Osteopathie

Berührt Körper, Geist und Seele

Im Gespräch mit Martina Borrmann

Martina Borrmann führt in Beilstein eine Praxis für Osteopathie und Schmerztherapie. Zu ihren Schwerpunkten zäh­len unter ande­rem die Arbeit mit Babys und Kindern sowie Angebote für Frauen und Menschen mit Schmerzen. Nach 35 Jahren Selbstständigkeit gibt es viel zu erzäh­len: über beruf­li­che Veränderungen, per­sön­li­che Erfahrungen, unter­neh­me­ri­schen Mut und die Rahmenbedingungen für Selbstständige vor Ort.

1. Martina, wenn du dich und dei­ne Tätigkeit jeman­dem vor­stel­len wür­dest, der dich noch nicht kennt: Was machst du und was ist dir dabei beson­ders wich­tig?

Ich wer­de immer gefragt, was ist der Unterschied zur Physiotherapie? Die Osteopathie ist die Ursachenforschung. Gerade in der Schmerztherapie, kann es sein, es kommt jemand mit Rückenschmerzen und nach drei Behandlungen mer­ke ich, dass es even­tu­ell am Magen liegt. Ich behand­le also nicht nur die Wirbelsäule, son­dern die dazu­ge­hö­ri­gen Organe, die Faszien oder mit der Cranio-Sacral-Therapie. Heißt auch Nerven, Traumata, Stresstherapie, gera­de bei schwe­ren Geburten, Todesfällen, Krebserkrankungen etc.

 

2. Wie bist du ursprüng­lich zu dei­nem Beruf und zur Osteopathie gekom­men?

Ich habe im Backnanger Krankenhaus mit mei­ner Ausbildung ange­fan­gen und nach Abschluss auf der Intensivstation auch lan­ge gear­bei­tet. Ich habe aber früh gemerkt, dass mir da die Nachhaltigkeit fehlt. Nach der schwe­ren und trau­ma­ti­schen Saugglocken-Geburt mei­nes ers­ten Kindes hat mich der behan­del­te Kinderarzt zur Osteopathie emp­foh­len. Den nächs­ten Osteopathen gab es in Bad Friedrichshall. Ich bin da natür­lich hin und merk­te schnell, dass es mei­nem Sohn schnell bes­ser ging. Keine Blähungen mehr, kei­ne Koliken, kei­ne Fußfehlstellung mehr. Durchgeschlafene Nächte war end­lich mög­lich.

 

3. Was fas­zi­niert dich nach so vie­len Berufsjahren noch immer an dei­ner Arbeit?

Das täg­li­che „wow ich kanns“. Menschen hel­fen, egal von woher kom­mend und egal wel­che Art von Schmerzen. Menschen hel­fen und noch wei­te­re Möglichkeiten auf­zei­gen zu kön­nen. Das geht natür­lich nicht immer, manch­mal muss eine neue Hüfte oder ein neu­es Knie durch eine OP her, aber man kann bevor man die­ses Stadium erreicht durch Prävention eini­ges noch bewe­gen.

4. Du behan­delst Menschen in ganz unter­schied­li­chen Lebensphasen. Was macht für dich die Arbeit mit Babys und Kindern und jun­gen Müttern beson­ders?

Bei Schwangeren ist der Hauptpunkt die Angst zu neh­men. Gab es schon trau­ma­ti­sche Erlebnisse? Wie ist der Umgang in der Familie mit den bereits erleb­ten Geburten? Mütter geben oft unbe­wusst ihre Ängste an die Töchter wei­ter und da hilft Gespräche füh­ren mit der betrof­fe­nen Schwangeren, aber auch mit der Mutter der Schwangeren.

Bei Babys ist es merk­lich unter­schied­lich, wie sie auf die Welt gekom­men sind. Babys, die ohne Förderungsmittel oder äuße­rer Unterstützung zur Welt gekom­men sind, haben eine ent­spann­te­re Energie, kei­ne ver­zerr­ten Faszien und auch eine ganz ande­re Körperhaltung.

 

5. Was hat sich bei den Beschwerden und Bedürfnissen dei­ner Patientinnen und Patienten im Laufe dei­ner Berufsjahre ver­än­dert?

Im Kinderwunschthema sind extre­me Ängste auf­ge­kom­men und Frauen haben gera­de nach der Corona Zeit vie­le ver­schie­de­ne Ängste ent­wi­ckelt. Vor 35 Jahren als ich noch 5 oder 6 Kurse in der VHS gege­ben habe, haben sich nach mei­nen Kursen die Frauen unter­schied­li­chen Alters noch unter­hal­ten, auf einen Kaffee getrof­fen und sich gegen­sei­tig bestärkt. Die Gemeinschaft war enger und ver­trau­ter. Es gab weni­ger Tabuthemas, man konn­te über alles spre­chen und man wur­de nicht so schnell ver­ur­teilt.

 

6. 35 Jahre Selbstständigkeit sind eine beein­dru­cken­de Zeit. Wie kam es damals zu dei­ner Entscheidung, dich selbst­stän­dig zu machen?

Angefangen habe ich in Beilstein mit 5–6 Volkshochschulkursen und mich haben den­noch, bzw. gera­de des­halb vie­le ange­spro­chen und mir ihre Probleme erzählt. Viele woll­ten zusätz­li­che Kurse von mir buchen, unter ande­rem auch die Volksbank Beilstein/Ilsfeld für ihre Mitarbeiter bezüg­lich Stressabbau, Rückschmerzen etc. Das führ­te dazu, dass ich mich mit den Einzelpersonen am liebs­ten noch inten­si­ver beschäf­ti­gen woll­te und ich bin dann in die Selbstständigkeit gegan­gen mit mei­ner Praxis.

7. Was war am schwie­rigs­ten in dei­ner Selbstständigkeit?

Eindeutig die Corona Zeit. Ich muss­te Menschen, die zu mir kamen und Hilfe gesucht haben auf den Impfstatus kon­trol­lie­ren und ich wur­de viel ange­lo­gen. Die Panik vor einer even­tu­el­len Erkrankung war bei mei­nen Patienten all­ge­gen­wär­tig. Das Menschliche ging etwas ver­lo­ren.

 

8. Was muss man aus dei­ner Erfahrung mit­brin­gen, um über so vie­le Jahre erfolg­reich selbst­stän­dig zu sein?

Viel drü­ber reden. Auch über die eige­nen Empfindungen. Gerade bei mei­nen Kursen bei Bosch in Abstatt, kam ich anfangs immer so auf die letz­te Minute und war dadurch rela­tiv gestresst. Die Idee des dama­li­gen Bosch Personalchefs, ein­fach 10 Minuten frü­her zu kom­men und wirk­lich ankom­men mit Gesprächen, Achtsamkeitsübungen für mich selbst hat gehol­fen in mei­nen Kurs ener­gie­ge­la­den wie­der durch­zu­star­ten. Das bedeu­tet, man muss auch die Selbstreflektion immer wie­der selbst aus­üben.

 

9. Wenn du heu­te noch ein­mal grün­den wür­dest: Was wür­dest du genau­so machen und was viel­leicht ganz anders?

Ich wür­de frü­her mich selbst­stän­dig machen in der Osteopathie. Ich bin noch heu­te für mei­nen Beruf Feuer und Flamme und ich möch­te in Beilstein noch lan­ge Patienten und Patientinnen hel­fen und betreu­en.

10. Welche Rolle spielt Beilstein als Standort für dei­ne Praxis und was wünschst du dir von einer Kommune für Selbstständige und klei­ne Unternehmen?

Ich fän­de es groß­ar­tig im Gesundheitswesen ein gebün­del­tes Angebot für die Beilsteiner in einem Gebäude anzu­bie­ten. Als Paradebeispiel hier ist das Haus der Familie in Heilbronn, zu dem ich mei­ne Patientinnen zur Stillberatung, Geburtsvorbereitungen, Fehlgeburten o.ä. Dieses Konzept wün­sche ich mir für Beilstein.

 

11. Welchen Rat wür­dest du jun­gen Menschen und ins­be­son­de­re jun­gen Frauen geben, die heu­te über­le­gen, sich selbst­stän­dig zu machen?

Wenn es sich leicht für einen anfühlt und man hat kei­ne Zweifel dar­an, denn das ist ganz ent­schei­dend posi­tiv zu den­ken und beja­hend, dann ist das gut für uns. Am bes­ten, man umgibt sich mit Menschen, die einen bestär­ken und kei­ne Angst machen. Denn Ängste hel­fen uns nicht wei­ter im Leben. Nur wer angst­frei lebt, kann glück­lich leben.

 

12. Wenn du auf dei­ne 35 Jahre Selbstständigkeit zurück­blickst: Worauf bist du ganz per­sön­lich beson­ders stolz?

Es kam eine Frau zu mir mit einem Kinderwunsch und sie hat sich auf all mei­ne Ideen und Empfehlungen ein­ge­las­sen und mir ver­traut. Sie ist dann mit 42 Jahren zum ers­ten Mal Mutter gewor­den und ich die Patentante ihres Kindes.